Das Privileg der eigenen Geburt

 

 

Wo wir auf die Welt kommen, bestimmt unser Leben!

 

Ich durchlaufe gerade ein Kontrastprogramm. Bin ich doch kürzlich erst von meinem ersten Hilfstrip aus Sri Lanka zurückgekehrt. Die Zeit dort war viel zu kurz. Soviel möchte ich noch wissen. Soviel möchte ich noch organisieren. Soviel möchte ich – zusammen mit Cihan, Eilidh und anderen, noch helfen.

 

Desmond Tutu sagt: „Do your little bit of good where you are; it’s those little bits of good put together that overwhelm the world“.

 

All meine Eindrücke verarbeite ich derzeit. Fühle mich privilegiert. Lebe ich doch in München (nach einem Lokalsender, die schönste Stadt der Welt). Bewohne eine hübsche Wohnung. Darf mein Traumauto fahren und habe von allem genug.

 

Die Unwägbarkeiten, die mein Leben begleiten beschränken sich auf ab und an Kopfschmerzen bei Wetterwechsel, den ein oder anderen komischen Traum und zwischendurch einmal einen kleinen finanziellen Engpass. Es ist das Privileg meiner Geburt, die mir all das ermöglicht. Alleine schon in Deutschland geboren worden zu sein, ebnet unser aller Wege. Verhilft uns zu Bildung, einem Gesundheitssystem, Strukturen und Wohlstand. Wir lernen Lesen und Schreiben, haben ein gepflegtes Dach über dem Kopf, werden in unserer Kindheit und Jugend geformt und gefördert, um auch als Erwachsene unser geregeltes Leben in Wohlstand und Gesundheit, fortzuführen.

 

Was wir aus unserer Lebenszeit machen, liegt weitestgehend an uns. Blendet man hierfür einzelne Schicksalsschläge einmal aus.

Was aber, wenn man an einem Ort wie Sri Lanka geboren wird? Als eines von vielen Kindern, in einem allzu kleinen Häuschen, der Vater Arack und Betelnüssen zugetan, die Mutter überfordert, das System kein Auffangnetz? Man wird in ein Kinderheim gegeben, obwohl man gar kein Waisenkind ist? Man ist umgeben von anderen Würmern ohne Perspektive und wächst so heran. Mit 18 muss man das Heim verlassen, wird auf die Straße gespuckt. Ein paar besonders Talentierte werden ihren Weg trotzdem gehen. Werden sich durchbeißen, eine Ausbildung absolvieren, einem guten Beruf nachgehen. Oder als Mädchen haben sie Glück und heiraten einen netten, guten Mann, mit dem sie eine Familie gründen. Aufgrund ihres eigenen Schicksals wird es diesen Sprösslingen dann hoffentlich besser ergehen.

 

Was aber mit dem großen Rest? Kommt zum Schicksal Waisenkind zu sein, noch eine körperliche oder geistige Behinderung, war es das. Oftmals verbringen diese Menschenkinder ihr komplettes Leben in einer spartanischen Einrichtung für Behinderte. Alles dort ist dürftig, obwohl alle Helfer dort nach Kräften alles Mögliche tun. Trotzdem fristen die Bewohner (ich bin versucht, Insassen zu schreiben) ein trauriges Dasein. Sie haben keine spezielle Förderung. Ihre sozialen Kontakte bestehen aus anderen Behinderten, den Pflegekräften und ab und zu Besuch von Ausländern wie mir. Das ist dann ein Glückstag, wenn sich freiwillige Helfer oder Touristen „verirren“, Spielsachen und Plüschtiere mitbringen und ein paar Stunden Zeit.

 

Wie sähe unser Leben aus, wären auch wir unter diesen Umständen auf die Welt gekommen?

 

Nachdem ich mich über diese ungerechte Verteilung eschauffiere, mache ich mir einen Oranic Green Tea, einen Espresso mit Haselnussaroma und überlege mir, was ich heute anziehe. Es ist noch früh. Die Sonne geht langsam auf. Alles um mich herum ist so adrett und sauber. Mein Leben ist ein Gutes. Darum möchte ich einen kleinen Teil Gutes zum Allgemeinwohl beitragen, so wie Desmond Tutu das vorschlägt. Oder frei übersetzt „Kleinvieh macht auch Mist“.

 

Genießt euer Leben. Nehmt alles Schöne darin nicht als Selbstverständlichkeit. Seid respektvoll, bewusst und achtsam. Mit euch und allen anderen!

Geschrieben von Sonja Köneke im April 2014