Ein ganz anderer Anlass

Sonjas Tagebuch – die 1. Charityreise nach Sri Lanka

 

Jetzt sitze ich hier am Gate von Oman Air und warte auf meinen Flug nach Muscat, mit dem Weiterflug nach Colombo. Bereits zum 2. Mal in diesem noch jungen Jahr. Die letzten sechs Wochen habe ich damit verbracht, viele Sachspenden und etwas Geld für meinen Aufenthalt, zwei Stunden Fahrzeit südlich von Colombo, in Kalutara, zu organisieren.

 

Es ist das 4. Mal, dass ich nach Sri Lanka aufbreche. Zum 1. Mal allerdings nicht für eine Ayurvedakur. Dieses Mal erwarten mich drei Waisenhäuser in der Tsunamiregion sowie Eilidh und Cihan. Beide unterstützen die Kids und deren Belange vor Ort. Cihan seit einigen Wochen (ihn habe ich auf meiner letzten Ayurvedakur im Januar kennengelernt) und Eilidh seit bereits neun Jahren (wir kennen uns noch nicht persönlich).

 

Bepackt bin ich mit einem großen Koffer voller Spielsachen, DVDs und Bastelbedarf. Außerdem habe ich einen Beamer in meinem Handgepäck. Meinen eigenen Bedarf an Klamotten und Kosmetik habe ich sehr stark reduziert. Kostet doch jedes Kilo Übergepäck 38,-. Ganze 8kg Sachen habe ich für mich dabei. Da habe ich sonst mehr dabei, wenn ich nur für ein Wochenende verreise. Aber dieser Trip ist ja auch etwas ganz Besonderes. Nie zuvor habe ich bislang eine Reise angetreten, um zu helfen, mögliche gemeinsame Charity-Projekte zu besprechen und viele Leute zu treffen, die einen hoffentlich dabei unterstützen.

 

Wie heißt es so schön, man wächst mit seinen Aufgaben. Und ich wünsche mir hier zusammen mit den anderen, nachhaltig für ein etwas schöneres Leben der Waisen sorgen zu können. Ich möchte etwas auf die Beine stellen, das weit über den Transport von Plüschtieren und Bastelscheren hinausgeht. Ob nur in der Region um Kalutara oder noch in ganz anderen Ecken der Welt, wird sich zeigen.

 

Die Reise hierher ist dieses Mal viel schneller vergangen. Vielleicht bedingt durch Antrieb und Vorfreude.

 

Vollbepackt mit den zwei Kisten, die wir per DHL geschickt hatten und am Airport in Colombo abholen sowie meinen 40kg Gepäck, kommen wir nach 2,5h (für etwa 70 km Fahrtstrecke in schlimmstem Verkehrschaos) endlich in unserer Bleibe in Kalutara an. Ich empfinde es als unheimlich warm und schwül. Bin ich doch vor einer Woche noch beim Skifahren gewesen.

 

Aber ich komme hier an und fühle mich gleich wohl. Cihan ist da, Eilidh und ein alter Freund von Cihan, der für einen Kurzbesuch aus Kuala Lumpur kurz vor mir gelandet ist. Die Eltern von Eilidh kommen übermorgen ebenfalls noch dazu sowie im Laufe der zwei Wochen noch der ein oder andere Couch Surfer, wie ich später erfahren werde.

 

Nach langem Ausschlafen und spätem Frühstück in einem kleinen Hotel mit Meerblick, machen wir uns ans Aufteilen all der Sachen, die wir hierher gebracht haben. Wir breiten alles am Boden aus. Eilidh ist ganz begeistert. Ich auch. Wenn man das alles so ausbreitet, sieht man erst, wie viel zusammen gekommen ist. Und weitere ca. 60kg warten noch Zuhause in München.

 

Mit einem ersten Karton Malsachen, Haushaltsartikeln und Spielzeug fahren wir zum Sukitha Waisenhaus. Dort warten 50 Mädchen und 2 Jungs mit unterschiedlichen Behinderungen auf uns. Auf Fotos habe ich ja schon einen Eindruck bekommen. Nun bin ich einmal gespannt, wie es sich vor Ort anfühlt. Wir nehmen ein TukTuk. Eilidh fährt mit dem Roller, den sie hier mit einer Einheimischen teilt. Wir fahren durch ein kleines Tor an einer Hauptstraße in Kalutara. Im Hof warten schon ein paar Kids, wobei man davon ausgehen kann, dass sie sich tagsüber sonst auch hier draußen aufhalten.

 

Alle strahlen uns an. Einigen Mädchen sieht man an, dass sie Down-Syndrom haben. Aber allesamt sind gut gelaunt, lieb zu uns und kein bisschen verwahrlost. Selbstverständlich ist das sicher nicht, auch wenn das nur eine Vermutung von mir ist. Alle Räumlichkeiten sind sehr spartanisch aber sehr sauber. Persönliche Sachen scheinen die Mädchen nicht zu haben. Bis auf die Kuscheltiere, die wir vorige Woche schon organisieren konnten. Hätte Eilidh nicht ihr Talent zu malen, wären auch alle Wände, des 1979 eröffneten Waisenhauses karg. Sie aber hat sich auf einigen mit schönen Bildern verewigt. Am besten gefällt mir der Elefant in einem der Schlafzimmer.

 

In all dem Trubel, den wir mit unserem Besuch verursachen, kommen noch ein paar englische Mädchen, die sich als Volunteers zu erkennen geben. Ein halbes Dutzend von ihnen kommt seit Januar dieses Jahres montags und mittwochs für 1-2 Stunden zum Singen, Tanzen und Spielen. Unsere Bescherung lässt sich somit heute nicht umsetzen. Wir räumen das Feld für die Volunteers und planen, an einem anderen Tag nochmals zu kommen.

 

Stattdessen fahren wir heim und gehen zusammen an den Strand. Der Tag neigt sich bereits dem Ende. Hier wird es gegen 18.30h bereits dunkel. Das ganze Jahr, aufgrund der Lage am Äquator. Das Meer ist sehr warm. Niemand sonst badet. Ein paar Fischer verfüttern ihre Reste an die streunenden Hunde. Leider ist das ganze Strandstück voller Müll. Touristen sind hier Mangelware, wenn es auch zwei Hotels hier gibt. Potential ist hier zweifelsfrei gegeben. Aber ohne mehr Engagement, gepflegte Strände und bessere Infrastruktur, wird sich dieses Fleckchen am Indischen Ozean nie über weitere Touristen freuen können. Und ich spreche hier wahrlich nicht von Massentourismus, den keiner möchte, sondern ein paar Tausend internationalen Reisenden, die z.B. nach einer Rundreise noch ein paar Tage relaxen wollen, bevor es wieder heimwärts geht.

 

Immer wieder sitzen wir in der Runde und überlegen immer wieder, was zu tun ist. Dem Sukitha Waisenhaus geht es verhältnismäßig gut. Es klingt irgendwie blöd, aber ich habe es mir viel dramatischer vorgestellt. Wie es aussieht, sind mehr als die Hälfte der Kinder dort gar keine Waisen. Da müsste man also ansetzen. Die Eltern dazu zu bewegen, ihre Kinder gar nicht erst abzugeben, „nur“ weil sie eine Behinderung haben. Vielmehr müssten die Kinder und deren Familien, geschult und gefördert werden, um mit dem Handicap umgehen zu können. Das müsste dann aber auch staatlich gefördert werden. Ein zusammen gewürfelter Haufen, wie wir es sind, kann das sicherlich nicht leisten. Also bleiben wir lieber bei den überschaubaren, möglichen Maßnahmen. Nachvollziehbar aber für mich im Moment schwer verdaulich und demotivierend.

 

Ist es doch sehr viel leichter, wie dieses Mal ein paar Hundert Euros zusammen zu sammeln und dazu Sachspenden herzuschicken. So macht es Eilidh bereits seit 9 Jahren. Nur, dass sie zusätzlich noch 2-3 Monate pro Jahr hier vor Ort verbringt. Das soll keinesfalls ihre Arbeit schmälern. Aber es ist eben nicht mehr und nicht weniger.

 

Ich zerbreche mir nun den Kopf darüber, wie das künftig aussehen kann. Kann ich eher Struktur einbringen, in dem ich zusammen mit anderen einen gemeinnützigen Verein gründe? Können wir damit dann mehr erreichen? Werden wir ausreichend Unterstützer finden? Kann ich als Kopf genug von dem bewirken, was ich wünschte bewirken zu können? Wie hoch sieht der zeitliche Aufwand für mich aus? All dies und mehr, dieses Thema betreffend, geht mir angestrengt durch den Kopf.

 

Urlaub fühlt sich anders an!

 

SunsetSriLanka

 

Darum beschließen wir eine kurze Entspannungsphase einzulegen. Das kann man sehr gut in Hikkaduwa, einem touristischen aber schönen Ort mit langem Sandstrand und vielen Beachbars. Er liegt mit dem Bus etwas zwei Fahrstunden von Kalutara entfernt. Ein bisschen ist noch der Hippieflair vergangener Zeit zu spüren. Wir sind hier in einem ganz einfachen Hotel, direkt am Strand, mit entspannter Musik und Lounge-Ecken. Wir kommen spät an, schaffen es aber noch baden zu gehen. Bei mir allerdings wird es ein Strandspaziergang. Die Wellen des Indischen Ozeans sind mir hier einfach zu hoch.

 

Abends essen wir Burger (ausgesprochen lecker) im Nordic House und besuchen eine Beachparty, ein paar Hundert Meter von unserem Hotel. Das Publikum ist international, sehr jung und mit einem leichten Überhang an Russen und Skandinaviern – mehr die Kategorie Backpacker. An diesem Ort wird mir dann auch noch nachts mein iPhone gestohlen, mitsamt einem Lipgloss und einem Mückenstift. Der typische Trick wird angewandt, einer lenkt ab, verwickelt mich in ein Gespräch, der oder die andere holt hinter meinem Rücken die aufgezählten Sachen aus der Tasche. So ist zumindest meine Vermutung.

 

Den ganzen nächsten Tag erzählen wir allen am Strand davon, mit der Hoffnung, dass das Handy wieder auftaucht und uns zum Verkauf angeboten wird. Das Gerät selbst wäre es nicht wert, all die Telefonnummern und Fotos allerdings schon. Noch dazu, weil ich mir nicht sicher bin, wie es daheim mit Back-ups davon aussieht. Wir verbringen also unseren „freien“ Tag am Strand, kontaktieren mindestens ein Dutzend Einheimische, machen einen langen Strandspaziergang und genießen einen späten Lunch in einem Lokal direkt am Wasser.

 

Ohne vermisstes Handy, im strömenden Regen, geht es dann mit dem Bus zurück nach Kalutara. Denn am nächsten Morgen, 7h sind wir eingeladen zur Eröffnungsfeier des Volunteer Project of Ceylon, einer gemeinnützigen Vereinigung für freiwillige Helfer aus dem Ausland. Vorher verabschieden wir abends noch Cihans Freund, der sich aus geschäftlichen Gründen auf den Weg nach Bahrain macht. Wir bringen ihn gegen 23h zur Bushaltestelle.

 

Um 6h stehen wir müde auf, eine kühle Dusche und ein schneller Tee und los geht es! Schließlich beginnt die Feier mit einer buddhistischen Eröffnungszeremonie. Und das auf nüchternen Magen! Jeder der mich kennt weiß, wie wenig ich das mag. Nach der kurzen aber schönen buddhistischen Zeremonie heißt es erst einmal warten. Das Frühstück wird vorbereitet. Curry, Obst und eine Art Taler aus Kokos. Alle außer mir essen mit den Fingern. Zu Trinken gibt es Wasser. Keinen Kaffee oder Tee.

 

Danach wird wieder gewartet. Etwa vier Stunden, bis geladene Gäste kommen und das Mittagessen vorbereitet wird. Für mich bis dahin ein verschenkter Tag. Bis auf ein paar Minuten, in denen Cihan und ich mit einem Mönch sprechen. Er fragt uns nach den Gründen unseres Hier seins. Wir erzählen ihm, dass wir auf der Suche nach einem, für unser Vorhaben und unsere Möglichkeiten, passenden Hilfsprojekt sind. Denn – wie schon gesagt – in Sukitha scheint der mittelfristige Bedarf an Hilfestellung nicht sehr groß.

 

Der Mönch erzählt uns von seinem 10 Hektar großen Grundstück, auf dem ein Haus errichtet wurde, das als Waisenhaus fungiert. Er selbst lebt in Cincinnati, Ohio, und verbringt nur ein paar Monate im Jahr auf Sri Lanka. In dieser Zeit lebt er im Tempel. Er erzählt weiter, dass dort noch viel zu tun sei. Aber all sein Geld (meines Wissens leben Mönche von Spenden) steckte bereits im Haus. Hier könnte man vielleicht ansetzen. Wir sollen mit ihm unbedingt hinfahren. Es liegt 1-2 Stunden von Hambantota, wo ich im Januar im Oasis Ayurveda Hotel war. Das heißt also etliche Stunden Bus fahren und mehrmals bis dorthin umsteigen. Schlafen könnten wir dann im Tempel. Ja, auch ich dürfte dort schlafen. Am nächsten Tag kommt sogar noch der Anruf von ihm als Bestätigung. Dabei vergewissert er sich, was wir gerne essen, damit alles vorbereitet werden kann.

 

SSSC_Sukitha_10SSSC_Sukitha_Waschmaschine
 

Aber bevor wir dorthin fahren, kümmern wir uns erst noch um die versprochene Waschmaschine für Sukitha, Eine große Auswahl an Modellen und Geschäften gibt es nicht. Verkauft werden fast ausschließlich Toploader, die ich bislang nur aus Amerika kenne. Alle sind vollständig aus Kunststoff. Sicher wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. Wir entscheiden uns für ein Modell in schwarz (wobei das wirklich egal ist), das mit 5-Jahresgarantie verkauft wird. Ich freue mich schon jetzt auf die Gesichter im Waisenhaus. Wobei hier die Freude sicher hauptsächlich bei den Frauen sein wird, die sich um die Kinder kümmern.

 

Der Sonntag ist wieder etwas ziel- und planlos. Eilidh ist beim Board Meeting von Sukitha und wir probieren den halben Tag von der hiesigen Polizei unsere Verlustanzeige für die Versicherung zu bekommen. Denn in Hikkaduwa waren wir hier ja erfolglos geblieben. Am Ende des Tages haben wir einen von mir handgeschriebenen und vom stellvertretenen Polizeichef unterzeichneten Zettel. Kein Formular, nur ein weißes DIN A4 Blatt, für das wir insgesamt über drei Stunden auf dem Revier herum gesessen haben. Und das musste ich noch selbst schreiben. Auf der Rückseite steht so etwas wie: „I confirm this is true“ sowie Stempel und Unterschrift. Ob das mal bei der Reisegepäckversicherung durchgeht. Ich bezweifle das.

 

Alles läuft hier so unglaublich langsam. Schwere Kost für jemanden wie mich, der sonst so strukturiert und effizient ist. Abends machen wir noch die Bescherung im Vishaka Waisenhaus, ganz in der Nähe von uns. Wir rechnen mit 40 gesunden Mädchen, die dort untergebracht sind. Bei unserer Ankunft sieht alles sehr einladend aus. Allerdings stellt sich heraus, dass es 54 Mädchen sind, die alle rundum den kleinen Fernseher in der Halle auf dem Boden sitzen und gebannt einen Film verfolgen. Sobald wir drei bepackt mit der großen Geschenkekiste den Raum betreten, ist der Film nicht länger von Belang. Sofort werden wir umlagert. Viele kleine Fingerchen stöbern in der Kiste.

 

Das Vorsortieren und Zuteilen wird zum Chaos. Noch dazu, wo wir mit 14 weniger Mädchen gerechnet haben. So müssen wir die Präsente pro Mädchen reduzieren, damit jedes etwas bekommt. Dazu kommt, dass die süßen Girls ein besonderes Abendessen erwarten dürfen. Gespendet von dem Vater eines fünfjährigen Mädchens, das heute Geburtstag feiert. In knallbunten Tupfen-Kleidchen und hübschem Haarschmuck wieselt es strahlend durch den Speisesaal. Aufgrund dessen findet unser Besuch ein jähes Ende. Wir ziehen uns zurück und lassen die Mädels das duftende Abendessen genießen. Wir planen aber einen erneuten Besuch in den nächsten Tagen.

 

Montag, es ist Halbzeit hier für mich. Heute gehen wir die Waschmaschine für Sukitha kaufen. Die passende hatten wir ja bereits vor einigen Tagen gefunden. Nun muss sie nur noch bezahlt und transportiert werden. Wir vergewissern uns, dass wir im Waisenhaus zu jeder Zeit mit unserer Lieferung willkommen sind. Im Geschäft klären wir alles. Zwei Stunden später fahren wir mit einem XL-TukTuk die neue Waschmaschine liefern. Gerne wollen wir sie gleich anschließen und am besten schon einmal eine Ladung laufen lassen. Doch es ist niemand da, der verantwortlich ist oder uns gar versteht. So dürfen wir sie nur im Eingangsbereich abladen und sollen drei Tage später nochmals kommen.
Jeden Tag ein neues Geduldsspiel für mich.

 

Cihan, Eilidh und ich reden viel über Ansätze und Möglichkeiten, sinnvoll und langfristig zu helfen. Sowohl Vishaka als auch Sukitha scheinen uns recht gut aufgestellt und versorgt. Sicher gibt es anderswo mehr zu tun. Wir müssen nur die richtige Region und das richtige Projekt für uns finden.

 

Das ist leichter gesagt als getan!

 

Aufgrund eines komischen Gefühls und ersten Eindrucks des Mönchs auf der NGO-Eröffnung, entscheiden wir uns gegen den Trip in die Nähe von Hambantota. Besser wäre eine internationale Institution, die bereits auf der Insel aktiv ist. Solch eine Association ist die von Michael Kreitmeir, mit Namen Little Smile. Wir rufen ihn an und er hat nichts dagegen, dass wir ihn besuchen. Ein weiter, mühsamer Weg für ein Gespräch, aber eine gute Möglichkeit, sich kennen zu lernen und etwaig zusammen zu arbeiten. Michael stammt aus der Nähe von Ingolstadt und engagiert sich seit Jahren für die Kinder Sri Lankas. Wir telefonieren kurz mit ihm. Er legt sich nicht fest, was seine Tagesplanung angeht. Er habe sich abgewöhnt, weiter als 1-2 Tage zu planen. Auch hier schwingt eine gewisse Unsicherheit mit, ob wir uns die Ochsentour nur für ein Gespräch antun sollen. Wir würden viele Stunden in öffentlichen Bussen verbringen, ohne bereits zu wissen, ob das zielführend ist.

 

Alles läuft hier eben anders. Man kann nur lernen, das zu akzeptieren. Keine Struktur, kein System, keine Perspektiven, alles kommt wie es kommt. Irgendwie. Oder vielleicht ist das genau das hiesige System und wir Westler einfach nur zu kontrolliert und getrieben.
Die Begriffe Stress und Burn-out sind hier bestimmt gänzlich unbekannt. Jeder hilft jedem. Keiner macht einen unglücklichen Eindruck. Es wird viel gelacht. Selbst im starken, chaotischen Straßenverkehr hat noch jeder ein Lächeln übrig. Büffel, streunende Hunde, Kinder und alte Menschen sind genauso respektierte Bestandteile des Verkehrs wie Radfahrer, TukTuks, Vans und Linienbusse.

 

Ich bin das vierte Mal auf der Insel und habe bislang noch keinen Unfall erlebt. Rücksicht und Gelassenheit sind die Zauberwörter, durch die das System Straßenverkehr funktioniert. Außerdem ist die Hupe ein wichtigstes Accessoire. Jeder hupt. Das ist aber keine Pöbelei wie bei uns, sondern Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern. Und es funktioniert. Stelle man sich das mal zur Rush Hour auf dem Mittleren Ring in München vor.
Zum Thema Hausgäste. Ich hatte ja bereits geschrieben, dass wir in unserer für einen Monat gemieteten Bleibe unterschiedliche Besetzungen hatten. Zu Eilidh, Cihan und mir, gesellten sich ein guter Freund von Cihan und zwischendurch noch Eilidhs Eltern. Dazu aber eben auch noch Couch Surfer.

 

Schon mal was von Couch Surfing gehört?

 

Das ist ein Onlinenetzwerk à la AirBNB, nur dass man bei irgendwelchen Menschen irgendwo auf der Welt, auf der Couch oder im Gästezimmer schläft. Und das kostenlos. Einen solchen Couch Surfer haben wir nun aus Little Rock hier. Er ist Ende 40, ehemaliger Gefängniswärter, mit Glatze und langem Bart und kommt gerade aus Indien. Drei Jahre plant er durch die Lande zu ziehen. So haben wir Full House.

 

Noch 3 Tage verbleiben mir, bis es wieder heimwärts geht. Wir fahren also am Vormittag zu viert nach Sukitha. Dieses Mal mit dem öffentlichen, nicht klimatisierten, übervollen Bus. Nicht mit dem TukTuk oder dem Waschmaschinenverkäufer. Es dauert 30 Minuten und ist absolut abenteuerlich. Dafür kostet die Fahrt nur umgerechnet 15 Cent pro Person. Dafür hat man Dauerbeschallung in Form von Singhalesischem Reggae, den man über einen Flachbildschirm weder übersehen noch überhören kann. Mit einem Stehplatz hat man die A-Karte. Man steht ständig im Weg, wird geschubst und muss aufpassen, dass keiner auf die Flip Flop-Füße tritt. Aber ich lerne in diesen zwei Wochen, mich auch darüber nicht mehr zu eschauffieren. Der Bus hält direkt vor dem Waisenhaus. Mike, aus Little Rock und Cihan widmen sich der Waschmaschine, was länger dauert, als geplant. Fünf Stunden verbringen wir dort. Eilidh und ich malen und basteln in der Zwischenzeit mit ein paar von den Mädchen, die koordinativ dazu in der Lage sind. Bis auf zwei Mädchen – und das muss ich relativieren, denn einmal als behindertes Kind in Sukitha gelandet – gibt es kaum eine Chance wieder „rauszukommen“ – wirken alle weitestgehend positiv und den Umständen entsprechend gesund. Von Mädchen kann allerdings nicht immer mehr die Rede sein. So sind etliche lange schon keine Kinder mehr sondern in den 20ern, 30ern und älter. Sie werden wohl bis zu ihrem Ableben hier bleiben.

 

Ist man einmal so viele Stunden am Stück hier, wächst die Nähe zu allen schnell, denn die meisten erkennen mich beim dritten Besuch bereits sofort. Sie suchen sofort die körperliche Nähe und strahlen dabei. Ich muss viel Kraulen und Streicheln. Fast so, als würden die Mädels und die zwei Buben (respektive Männer, da um die vierzig), so ihre Akkus aufladen. Die 52 hier untergebrachten leben sehr karg und es ist unerträglich heiß. In den Schlafräumen direkt unter dem Blechdach wird mir nach ein paar Minuten schwindlig. Das Blech heizt sich in der Sonne unmenschlich auf. Die Mädels, die hier die meiste Zeit ihres Tages verbringen, sehen apathisch und verschwitzt aus. All das geht mir sehr nahe. Schön ist dafür, dass es viele internationale freiwillige Helfer gibt. In der Zeit, die ich dort verbracht habe, waren es allein ein Dutzend junger Frauen, die Sukitha während ihres Aufenthalts mehrmals die Woche besuchen. Dann wird gespielt, gebastelt, gesungen und gekuschelt.

 

Und, auch wenn es hart klingt, eine Zukunft haben geistig und/oder körperlich behindert Menschen, insbesondere Mädchen, in Sri Lanka nicht. Da kann man nur dahinter sein, ihnen ihr Leben in dieser Einrichtung so angenehm wie möglich zu machen. Und Waisenhäuser und bettelarme Familien, das erfahren wir mit fast jedem neuem Kontakt zu Einheimischen, gibt es auf der Insel en masse. Sehr leicht kommen wir ins Gespräch. Spricht Cihan doch bereits ein paar Brocken Singhalesisch, was jedes (nicht vorhandene) Eis zum Schmelzen bringt. Und damit nicht genug. Mit drei, vier spontanen Zaubertricks hat das noch jedes Mal geklappt. Es macht mir großen Spaß, die dabei rasch anwachsende Zuschauerschar zu beobachten. Denn die Tricks durchschaue ich mit jeder Vorstellung mehr.

 

Die so gesammelten Namen, Telefonnummern und Anregungen, wo Hilfe nötig wäre, sind stattlich mittlerweile. Und während ich nun schon auf dem Heimweg bin, begibt sich Cihan in einen Tempel nahe Hambantota. Einen der dortigen Mönche, haben wir auf der Eröffnung von Charlie’s NGO kennengelernt. Ursprünglich wollten wir zusammen dorthin fahren, haben das aber aus Zeitgründen und der langen, beschwerlichen Busfahrt, verschoben. Mit etwas Recherche haben wir herausgefunden, dass es montags und freitags, 7.30h, eine Flugverbindung für umgerechnet 22,- Euro gibt. Cihan hofft auf einen Helikopter. Es sollte aber „nur“ eine 15sitzige Propellermaschine werden. 🙂 Dafür spart er sich die furchtbar beschwerliche Busfahrt und bekommt stattdessen ein kleines Abenteuer.

 

Sicher für uns beide ist nach diesen zwei Wochen, dass wie weitermachen wollen. Eilidh und andere Menschen hier, haben uns wichtige Einblicke ermöglicht. Auch sicher ist allerdings, dass wir vieles noch recherchieren müssen, uns konkrete Projekte aussuchen und bei allem viel Geduld aufbringen müssen. Das Tempo, wie ich es zumindest von meinem Job und Umfeld gewohnt bin, lässt sich auf Sri Lanka nicht einmal ansatzweise halten.

 

I’ll be back in Sri Lanka – my love!